Harley-Davidson Thunderbike – die Historie
Two Wheels and Rock n' Roll – eine Zeitreise durch eine ungewöhnliche FirmengeschichteVerfolgt man die Historie von Thunderbike zurück, so beginnt diese irgendwo Anfang der Achtziger auf Europas Rennstrecken. Hier fühlt sich der blutjunge Andreas Bergerforth zuhause und nicht selten endet ein aufregender Renntag für den Racer auf dem Siegertreppchen. Schnell steht fest, dass der Hauptberuf ebenfalls etwas mit zwei Rädern und einem Motor zu tun haben muss.
1984 wird er zum ersten Mal aktenkundig, als er beim zuständigen Gewerbeamt sein frisch gegründetes Unternehmen eintragen lässt. „Motorradschuppen“ nennt er die Firma, mit der er alle Belange um Motorräder, vornehmlich aus dem Land des Lächelns, abdeckt. Der kleine Schuppen in Hamminkeln misst keine 150 Quadratmeter und platzt, dank stetig steigender Auftragslage, bald schon aus allen Nähten. Keine zwei Jahre später, 1986, wird aus dem Laden mit dem einfallsreichen Namen eine offizielle Suzuki-Vertretung und natürlich ist jener Schuppen dafür deutlich zu klein und so bezieht man neue Räumlichkeiten im örtlichen Industriegebiet. Dieses Mal soll es nicht nur größer, sondern auch etwas repräsentativer werden. Die weiterhin steigende Auftragslage führt zudem dazu, dass die ersten Mitarbeiter eingestellt werden.
Rennfahrer und Unternehmer – das funktioniert!
Man sollte annehmen, dass ein Jungunternehmer mit dem Aufbau der ersten eigenen Firma einem ausfüllenden Vollzeitjob nachgeht. Doch trotz geregeltem, 12-stündigem Arbeitstag und einer ebenso geregelten Acht-Tage-Woche gelingt es ihm den Rennsport keineswegs zu vernachlässigen. Fairerweise muss aber auch zugegeben werden, dass seine Leidenschaft für den Sport dem geschäftlichen Erfolg durchaus hilfreich ist. Nach den anfänglichen Rundstreckenrennen, die er erfolgreich gefahren ist, folgt die deutsche Langstreckenmeisterschaft mit nicht weniger vielen Gesamt- und Klassensiegen.
Von 1987 bis 2001 organisiert er gar verschiedene Renntrainings (Little Racings). Die aktive Zeit als Langstrecken-Rennfahrer beendet er erst 2003. 1999 ist aus der einstigen One-Man-Show längst ein stattliches Unternehmen geworden. Inzwischen umfasst das Leistungsspektrum nicht nur den Handel mit Motorrädern und die Ausführung sämtlicher Servicearbeiten, sondern auch Fahrwerksoptimierungen und Leistungstuning. Der hohe Qualitätsanspruch führt zu der Erkenntnis, dass nur wenige Teile der verschiedenen Anbieter dem eigenen Anspruch gerecht werden können. Zudem müssen Teile, Zubehör und Umbaukits zu einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis angeboten werden.
Wie aus ein paar Parts ein ganzer Katalog wird.
Wer die Fertigung in die eigenen Hände nimmt und unter einem Dach erledigt, kann nicht nur die Qualität bestimmen, sondern obendrein auch noch den Zwischenhandel umgehen, der den Preis zusätzlich in die Höhe treibt. Diese Kostenersparnis lässt sich unmittelbar an den Kunden weiterreichen und obendrein kann man mit diesem Vorgehen viel schneller auf die Bedürfnisse eines sich immer schneller wandelnden Marktes reagieren. Schnell werden aus einigen wenigen Spezialanfertigungen zahlreiche, als Kleinserie gefertigte Parts.
1999 sind es dann so viele Teile, dass man einen ganzen Katalog damit füllen konnte. Der Erfolg ist bei dieser Premiere keinesfalls absehbar und schon gar nicht, dass dieses Werk fortan alljährlich in einer aktualisierten und ergänzten Fassung neu aufgelegt werden soll.
Mit Harley-Davidson auf der Überholspur.
Nach der jahrzehntelangen Herrschaft der japanischen Bikes im europäischen Motorradmarkt, zeichnet sich zur Jahrtausendwende eine längst unübersehbare Trendwende ab. Um den Rückgang der Verkaufszahlen aufhalten zu können, muss darauf entsprechend reagiert werden. Mit einer einfachen Umstrukturierung des Unternehmens ist es nicht getan. Diese rückläufigen Verkaufszahlen verzeichnet fast jeder Motorradhersteller. Die einzige Ausnahme bildet Harley-Davidson.
Der Company aus Milwaukee gelingt es, alljährlich neue Verkaufsrekorde zu vermelden. Die Bikes „Made in USA“ sind seit den Achtzigern immer besser geworden und haben bis zur Jahrtausendwende gar einen top Qualitätsstandard erreicht. Darüber hinaus sind die Big Twins längst zum begehrten Kultobjekt avanciert und überzeugen mit ihrer massiven Bauweise und einem Drehmoment-starken V-2 Motor. Längst ist diese Faszination auch auf einige Mitarbeiter aus dem Team von Thunderbike übergesprungen und auch Andreas Bergerforth teilt diese Begeisterung. Trotzdem soll noch eine Menge Wasser den nahe gelegenen Rhein hinabfließen, bevor man überhaupt ernsthaft einen Wechsel vom Suzuki, hin zum Harley-Davidson® Vertragshändler in Betracht zieht.
Zu Anfang des neuen Jahrtausends wird die Lizenz für den Niederrhein abgegeben, weil sich der bisherige Inhaber altersbedingt aus dem Business zurückzieht. 2002 denkt man in Hamminkeln das erste Mal laut über einen Wechsel nach und bereits ein Jahr später prangt das Bar & Shield an der Front des Unternehmens. Diese Umstrukturierung ist ein gewaltiger Kraftakt, der hinter den Kulissen weit mehr bedeutet als nur das Logo auf dem Briefkopf und an der Fassade zu ändern. Das Interieur der Verkaufsräume wird bis in das letzte Detail auf die Marke aus Milwaukee abgestimmt, die Werkstätten werden von metrischem auf Zoll-Werkzeug umgestellt und die Mitarbeiter auf die Technik der V-Twins umgeschult.
Die Custom-Heroes aus Hamminkeln.
Als Harley-Davidson Thunderbike 2003 eröffnet, ist die einstige One-Man-Show zu einem stattlichen Unternehmen mit über 30 Mitarbeitern mutiert und die Grundfläche hat sich, im Vergleich mit dem anfänglichen Schuppen, mehr als verzehnfacht. Dass man in Hamminkeln auch die hohe Schule des Custom-Bike-Baus beherrscht, beweist man erstmals mit dem Bau der Spectacular, einem ultra flach bauenden Design- und Technikwunder. Mit diesem Meisterstück gelingt es die alljährlich stattfindende Europameisterschaft für sich zu entscheiden. Dieser Titel berechtigt zur Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Sturgis, auf der man gegen die besten Bike-Builder der Welt bestehen muss. Und obwohl diese bereits zum Teil auf etliche Jahrzehnte Erfahrung verweisen können, gelingt es den Newbies vom Niederrhein hier einen respektablen zweiten Platz einzuheimsen.
Mit der Open Minnt liefern sie nur wenig später den Beweis ab, dass die Spectacular kein „One Hit Wonder“ ist. Das Bike im Bobber-Stil kann tatsächlich an die Erfolge des Premierenwerkes anknüpfen. Wieder ist damit der Titel des Europameisters gesichert und bei der Weltmeisterschaft in Sturgis erzielt man einen respektablen fünften Platz. Mittlerweile entstehen in Hamminkeln regelmäßig die unterschiedlichsten Custombikes, die von Liebhabern in der gesamten Welt in Auftrag gegeben werden. Dass man im sprichwörtlichen „stillen Kämmerlein“ in Hamminkeln Bikes konstruieren kann, die den Vergleich mit den weltweit besten Custombikes nicht zu scheuen brauchen, hat die Crew um Andreas Bergerforth eindrucksvoll bewiesen. Dass dieses aber auch unter extrem erschwerten Bedingungen zu schaffen ist, belegen die Jungs beim europäischen Biker Build Off.
Im Rahmen der alljährlich stattfindenden „Custombike“ sollte ein Bike innerhalb von nur drei Tagen, in nur zwanzig Arbeitsstunden komplett aufgebaut werden. Das Ganze natürlich auf einer Bühne, während des Messebetriebs und vor den Augen eines staunenden Publikums und den Kamerateams führender Fernsehsender. Und natürlich nicht ohne Gegner. Mit dem Team von Penz-Custombikes hat man einen würdigen Gegner, der schon einige Jahrzehnte in dieser Branche tätig ist. Als umso erstaunlicher ist es zu werten, als am Sonntag Abend, nach der Auswertung der Publikumsstimmen feststeht, dass die Jungs aus Hamminkeln mit ihrem „Build a Billy“ den Siegerpokal für dieses Duell einheimsen.
Der alljährlich neu aufgelegte Katalog aus Hamminkeln ist längst auf die unterschiedlichen Parts für die Modellpalette aus Milwaukee und außergewöhnliche Custombikes abgestimmt. Die jährliche Neuauflage erfreut sich wachsender Beliebtheit bei den Freunden amerikanischer V-Twins. Thunderbike ist längst in aller Munde und sowohl die internationalen Fachmagazine als auch die unterschiedlichen Fernsehsender überschlagen sich, um über das außergewöhnliche Dealership aus Milwaukee zu berichten. Wir sind im Jahr 2009 angelangt und trotz eines rasanten Erfolges, den man sich längst auf die eigene Fahne schreiben kann, gibt es für Thunderbike nur eine einzige Richtung: geradeaus.
Das neue Konzept: Mehr Platz für Biker, Bikes und den „American Way of Life“.
Im Dezember dieses Jahres wird in Hamminkeln ein weiterer Meilenstein in der Unternehmensgeschichte gelegt. Trotz der schwierigen Weltwirtschaftslage oder gerade deswegen expandiert man weiter und setzt dem ohnehin schon ungewöhnlichen Unternehmenskonzept noch eins oben drauf. Nach umfangreichen Umbaumaßnahmen und Erweiterungen entsteht an gewohnter Stelle, an der Güterstraße in Hamminkeln, mehr als ein gewöhnliches Dealership mit Verkaufsbereich und abgegrenzter Werkstatt. Ebenso ist dieses Projekt mehr als ein zusätzlicher Anbau oder gar eine angestückelte Baumaßnahme, um dem gestiegenen Platzbedarf entgegenzuwirken.
Vielmehr geht es um die Realisierung eines Konzeptes, bei dem der Verkauf von Parts und Bikes nur noch einen Teil ausmachen soll. In Hamminkeln findet der Freund des „American Way of Life“ zukünftig eine Anlaufstelle, die er auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten und sogar an Sonn- und Feiertagen ansteuern kann. Und das unabhängig davon, ob nun mit zwei- oder vierrädrigem Untersatz, zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Denn bei Thunderbike gönnt man sich mit einem stilvollen „American Roadhouse“ nicht nur ein Weihnachtsgeschenk der besonderen Art, sondern auch eine sinnvolle Erweiterung der vorhandenen Unternehmensbereiche.
Das American Road House bietet ab Dezember 09 weit mehr als nur klassische amerikanische Spezialitäten, wie man sie auch in jedem beliebigen Diner bekommen könnte. Auf 550 Quadratmetern ist ein stilvolles Ambiente im urigen Blockhausstil entstanden, wie man es sonst nur in Aspen oder den Rockies vorfindet. Wer lieber an der frischen Luft verweilen möchte, findet auf dem außergewöhnlichen Sonnendeck die passende Location zum Relaxen. Die typisch amerikanischen Gaumenfreuden bekommt man hier natürlich ebenso serviert. Acht feste Mitarbeiter und 25 Teilzeitkräfte werden den Versuch wagen, jedem Besucher die Wünsche von den Lippen abzulesen.
Damit nicht genug, mit dem Umbau sind auch die Verkaufsräume deutlich gewachsen. Auf nunmehr 750 Quadratmetern findet man die aktuelle Modellpalette der Company ebenso wieder wie ein breit gefächertes Angebot an Parts, Accessoires und jeder Menge Good Stuff. Und natürlich können hier zukünftig die aufwendigen Umbauten und Custombikes aus den eigenen Werkstätten deutlich besser präsentiert werden. Und noch etwas ist neu. Vor dem Umbau ist an der Güterstraße nur die Servicewerkstatt untergebracht gewesen. Die gesamte Teileproduktion fand bisher außerhalb, einige Kilometer entfernt statt.
Ab Dezember 09 werden die begehrten Parts ebenfalls in einer eigens errichteten Halle an der Güterstrasse produziert. Auf diese Weise lassen sich die Wege kurz halten und noch etwas mehr Nähe zum Kunden realisieren. Damit ist das Unternehmen, das einst in einem 150 Quadratmeter großen Schuppen seinen Anfang nahm, auf eine stolze Gesamtgröße von beeindruckenden 2600 Quadratmetern gewachsen. Rechnet man die gesamte Belegschaft aus dem Verkauf, den Werkstätten und dem Gastronomiebereich zusammen, so stellt man fest, dass hier inzwischen über 50 Mitarbeiter in Lohn und Brot stehen und weitere 25 Teilzeitkräfte nach Bedarf eingesetzt werden.
Das Thunderbike-Erfolgsrezept.
Aus heutiger Sicht drängt sich zwangsläufig die Frage nach dem Erfolgsrezept der Thunderbiker auf. Neben den richtigen Entscheidungen im richtigen Augenblick und einer ordentlichen Portion Glück kommt man wohl am ehesten dahinter, wenn man an die Anfangstage dieses Unternehmens zurückdenkt. So stellt der aufmerksame Beobachter schnell fest, dass man zahlreiche der auf den Rennstrecken gemachten Erfahrungen auf das Unternehmen adaptiert hat. Schließlich hat man im Rennsport gelernt, wie man den anderen immer eine Nasenlänge voraus ist, dass der Erfolg immer nur auf einem funktionierenden Team beruhen kann und dass man immer für eine Überraschung gut sein muss.
Anderen hinterherzufahren, war noch nie die Stärke des Unternehmensgründers, stattdessen ist Gas geben und durchbeschleunigen ebenso seine Überzeugung wie die Erkenntnis, dass der, der bremst, verlieren wird. Vor allem aber hat er auf der Rennstrecke gelernt, dass man sich niemals auf den erkämpften Lorbeeren ausruhen darf und spätestens nach der Siegesfeier an die nächsten Ziele denken sollte. Wir dürfen also gespannt darauf sein, welche Überraschungen aus Hamminkeln noch zu erwarten sind. Wir können uns jedoch sicher sein, dass es davon auch in den nächsten Jahren noch reichlich geben wird.
In diesem Sinne und mit freundlichem Bikergruß
Johnny Leyla
(Buchautor und Motorradjournalist)
Im Dezember 2009

